Buße ist ein Urteil über sich selbst

»Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.«

Wir hörten eben: Der verlorene Sohn hat kein Wohlgefallen mehr an seinem Tun. Es geht aber noch tiefer hinab: »Ich bin hinfort nicht mehr wert«, das heißt: Er hat auch kein Wohlgefallen mehr an sich selber.

Die stärkste Macht im Leben eines jeden Menschen ist das Wohlgefallen an sich selbst, die Selbstliebe. Und erst da kommt es zur Buße, wo das erschüttert ist. Welch eine Kraft des Heiligen Geistes ist nötig, bis einem Menschen die Selbstliebe erschüttert wird und er das Wohlgefallen an sich selbst verliert!

Ich muss da etwas einfügen. Die Welt spottet hier und nennt es eine niedrige Sklavengesinnung, wenn ein Mensch sagt: »Ich bin nicht wert ...« Was sollen wir darauf antworten? Die Wahrheit, auch wenn sie demütigt, ist immer besser als die Einbildung. Aber die Weltmenschen vernehmen nichts vom Geist Gottes. Und sie gleichen einem Blinden, der sich seiner Blindheit vor den Sehenden rühmt.

Der Mensch hat drei große Seelenkräfte: Verstand, Gefühl und Wille. Und nun meinen viele, sogar manche Christen, das Wort Gottes habe es mit diesen Kräften zu tun. So haben die einen ein Verstandeschristentum. Sie haben allerlei Erkenntnis. Aber ihr Leben ist tot für Gott. Die anderen haben ein Gefühlschristentum. Sie sind erhoben von jeder »schönen« Predigt. Aber im Alltag bleibt alles beim alten. Die dritten haben ein Willenschristentum. Sie strengen sich an, dem Herrn zu gehören. Aber sie erleiden Schiffbruch dabei.

Das Wort Gottes wendet sich aber nicht zuerst an Verstand, Wille oder Gemüt. Es zielt tiefer. Viel tiefer! Es zielt auf unser Gewissen, auf unser schlafendes, betäubtes, tausendmal vergewaltigtes Gewissen. Erst wenn unser Gewissen erweckt und getroffen ist, treten wir in die Welt der Wahrheit ein. Da sieht man sich im wahren Licht Gottes. Da verliert man alle Freude an sich selbst und bekennt – vielleicht unter Tränen –: »Ich bin nicht wert, dass ich dein Kind heiße.«

Es war einmal eine Gesellschaft versammelt. Da sprach man über die Fehler anderer. Es fiel auf, dass einer, der sonst so lebhaft war, verstummte. Man fragte ihn nach dem Grund. Da erwiderte er: »Mir geht es wie denen, die Bankrott gemacht haben. Diese armen Leute können an jeder Unterhaltung teilnehmen. Kommt aber das Gespräch auf einen Bankrott, so sagen sie kein Wort mehr. Die Gebrechen, die ihr an jenen Christen findet, habe ich alle bei mir gefunden, und das macht mich kleinlaut.«

Rechte Buße lehrt sprechen: »Ich bin nicht wert ...«  Weiterlesen...

 

Pfarrer Wilhelm Busch (1897-1966) in "Jesus unsere Chance".
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  • Man muss sich wundern über den verlorenen Sohn. Wenn er sagt: »Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße«, dann wäre es doch logisch, wenn er fortführe: »Darum will ich den Vater meiden und weit weggehen.«

  • Im Anfang des vorigen Jahrhunderts lebte in Stuttgart der gesegnete Pfarrer Dann. Der traf einst ein Gemeindeglied, einen Schneidermeister, und fragte ihn: »Warum kommen Sie gar nie zum Abendmahl?«

  • Ich habe von einer Familie gehört, die es erfahren hat wie der verlorene Sohn. Das waren Leute, denen es gut ging. Und als ihnen eines Tages ein treuer Zeuge Jesu sagte, sie möchten doch den Heiland in ihr Herz und Haus lassen, da lächelten sie überlegen. Und der Mann meinte: »Oh, wir wollen schon so fertig werden. Wir sind doch aufgeklärte Leute.«