Jesus und die anderen Religionen

Wenn wir nun auf die Grundprinzipien der Moral zu sprechen kommen, wie die Eltern zu ehren, nicht zu töten usw., so ist es natürlich wahr, dass alle Religionen mehr oder weniger das Gleiche lehren. Vergleichen Sie zum Beispiel die Fünf Regeln des Buddhismus mit den Zehn Geboten des Judentums.

In einem Satz zusammengefasst: Religionen lehren uns, dass wir gut sein sollten. 

Das Problem ist, dass wir nicht immer gut waren. Wir haben gegen Gott gesündigt, seine Gesetze gebrochen und die Strafen, die dies nach sich zieht, über uns gebracht. Wir haben gegen unsere Mitmenschen gesündigt und sie verletzt. Wir haben uns an uns selbst versündigt. Wenn wir wirklich Gottes Geschöpfe sind, ist die Sünde gegen unsere Mitmenschen und gegen uns gleichzeitig eine schwerwiegende Sünde gegen Gott selbst.

Die Menschen sind so geschaffen, dass sie ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie gegen Gott oder gegen ihre Mitmenschen gesündigt haben. Dieses schlechte Gewissen zerstört ihren inneren Frieden und verfolgt sie wie eine Leiche im Keller. Um Frieden zu bekommen und der Zukunft mit Zuversicht entgegensehen zu können, müssen sie in der Lage sein, dieses schuldige Gewissen loszuwerden. Jede Religion, die sich selbst als eine solche bezeichnet, muss diese Schuldfrage behandeln. Aber wie?

Es ist schlimm und sinnlos zu versuchen, die Gewissen von Schuld zu befreien, indem man den Menschen sagt, dass ihre vergangenen Sünden und ihre Schuld unbedeutend sind. Denn schlussendlich würde dies bedeuten, dass die Menschen, gegen die sie gesündigt haben, nicht wichtig sind. Der Schaden, den sie angerichtet haben, wäre unbedeutend und das Gewissen wäre nur eine Schwäche des Charakters, die ganz einfach unterdrückt werden könnte, ohne dass dies eine Strafe nach sich ziehen würde. Kein Paradies könnte jemals auf einer solchen Theorie aufgebaut werden, bei der die Menschen letztendlich unbedeutend sind – obwohl die Menschen genau dies leider mehr als einmal versuchten.

Alle Menschen brauchen daher für dieses Problem dringend eine Lösung, die ihren moralischen Standard und ihren Gerechtigkeitssinn nicht verletzt. Gleichzeitig muss diese Lösung ihnen Vergebung bringen und sie auf gerechte Weise von den Ketten der vergangenen Schuld befreien.

Und die anderen Religionen?In diesem Punkt unterscheiden sich natürlich die großen Religionen voneinander, und es nützt nichts, diese Tatsache zu verbergen. Bestimmte Varianten des Buddhismus bestreiten, dass es so etwas wie Vergebung überhaupt gibt. Die Menschen müssen einfach ihr unabwendbares, selbst verschuldetes Karma erdulden, das sich jeder individuell durch sein gegenwärtiges Leben und seine vergangenen Leben verdient hat, bis dieses erschöpft ist und sie dann in ihr erhofftes Nirwana entlassen werden. Sie können keine Hilfe von außen erwarten. »Niemand kann einen anderen reinigen.« Es gibt nur den unerbittlichen Weg von Ursache und Wirkung und das Karma. Alle Fehler, die durch die Verdienste nicht aufgewogen werden, müssen in einer womöglich endlosen Folge von Reinkarnationen abgearbeitet werden.

Einige frühe Formen des Hinduismus lehrten, dass man Vergebung durch zeremonielle Geschenke und Opfer für die Götter erhalten kann. Ebenso hatte das Judentum ein umfangreiches System von Opfern, wodurch die Menschen Vergebung durch Gott finden konnten. Aber selbst das Judentum hat darauf hingewiesen, dass das Opfern von Ochsen und Kühen unmöglich als eine ausreichende Lösung für das Problem der menschlichen Schuld angesehen werden konnte (Psalm 40,7). Was wissen denn überhaupt Kühe von Sünde? Wenn sie sich nachts schlafen legen, werden sie nicht von einem schlechten Gewissen geplagt. Moralische Überlegungen liegen weit über ihrem Horizont. Es ist die Ehre, aber auch die Last der Menschen, sich den Ansprüchen der Moral bewusst zu sein.

Tieropfer sind bestenfalls ein symbolischer Weg, durch den man anerkennt, dass die Strafe für Sünden bezahlt werden muss, damit das Gewissen durch diese Vergebung Ruhe bekommt. Heutzutage hat das Judentum selbst dieses System der Symbole verloren und hat dafür keinen Ersatz anzubieten. In diesem Bereich gleicht das Judentum dem Islam. Dieser lehrt den Menschen, sich ganz auf die Gnade des Allmächtigen zu stützen, kann aber dabei kein Opfer vorweisen, welches den Preis der Sünde angemessen bezahlen kann.

In dieser Beziehung ist das Christentum einzigartig. Obwohl es die Menschen lehrt, gut zu sein, ist dies nicht das Hauptanliegen seiner Botschaft. Weiterlesen...

 

David Gooding (Professor Emeritus für Old Testament Greek an der Queen's University Belfast, Mitglied der Royal Irish Academy)  in „Opium fürs Volk“.

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